Interview im El Espectador, 1 Juni 2011

Der Schriftsteller Javier Marías hat eingestanden, dass er beim Schreiben seines Romans Die sterblich Verliebten – mit Erstaunen stellt der Autor fest, dass noch kein anderer Roman zuvor diesen Titel trägt - von großen Zweifeln ergriffen war. Sie waren so groß, dass er, selbst zwei Wochen vor Abgabe an den Verlag, überlegte, ihn doch lieber in der Schublade zu lassen. Es sollte keiner dieser »Schmöker« werden.

Javier Marías hatte seine kraftraubende Trilogie Dein Gesicht morgen beendet und, nachdem er all die Buchstaben zu Papier gebracht hatte, den Eindruck, als Schriftsteller alles gesagt zu haben. Doch seine vierzigjährige Karriere als Schriftsteller sollte nicht achtlos versanden – vielmehr kristallisierte sich in ihm, produktiv, wie er ist, eine neue Geschichte heraus. Die Geschichte von María Dolz, einer Frau, die in der Verlagswelt arbeitet und Zeugin einer durch einen Todesfall zerstörten Ehe wird, einer Frau, die die Ambivalenz der Straffreiheit und die Wechselbäder der Verliebtheit erfährt.
Angélica Gallón Salazar: Worauf sind Sie bei Ihrem Versuch, der Verliebtheit auf den Grund zu gehen, gestoßen?
Javier Marías: Es ist bekannt, dass es in meinen Romanen außer der Geschichte, der Handlung und ihrer Figuren immer auch Überlegungen und Kommentare gibt, die abschweifend erzählt werden. In diesem Roman dreht sich eine dieser Überlegungen genau um die nicht haltbare, sehr verbreitete Vorstellung von Verliebten, dass das Aufeinandertreffen zweier Personen gewissermaßen vorbestimmt ist. Es gibt da dieses Bedürfnis, zum Anfang zurückzukehren, als man den Geliebten kennengelernt hat, und zu glauben, dass man sich, wäre man beispielsweise nicht in diese bestimmte Bar gegangen oder nicht in eine ferne Stadt gereist, nicht getroffen hätte. Das ist ganz normal, die Leute haben sehr viel Freude daran, diese Art von Mythologie zu erfinden, ich habe den Eindruck, und davon möchte ich in diesem Roman erzählen, dass das nicht ganz zutrifft.
Für mich ist das Verliebtsein ein Ergebnis von Zufällen, es ist eine Lotterie, manchmal auch nur eine Frage, wer gerade zu haben ist, wir sind sehr abhängig davon, wer in unser Blickfeld tritt oder in wessen Blickfeld wir treten, und deshalb soll mein Roman dazu anregen, das Verliebtsein als eine Art Tombola zu betrachten. Ich verstehe den Wunsch von Verliebten, ihre Beziehung zu adeln und mit dem Schicksal in Verbindung zu bringen, glaube aber, dass das falsch ist.
Angélica Gallón Salazar: Die Erzählerin ist Lektorin und hat eine ziemlich negative Haltung Schriftstellern gegenüber, verkörpert sie auf gewisse Weise die Meinung, die sie von Ihrem Berufsstand haben?
Javier Marías: Ich glaube, Menschen, die in Verlagen arbeiten, haben keine besonders hohe Meinung von Schriftstellern, weil sie sehr eng mit ihnen zusammenarbeiten, sie kennen ihre Manien, ihre Bedürfnisse, ihre kleinen Nöte, ihre Knausrigkeit. Der Roman gibt nicht meine Meinung oder meine Beziehung zu meinesgleichen wider, ich würde aber sagen, dass zu den besten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, Schriftsteller gehören - und zu den übelsten auch. Schriftsteller können die höchsten Tugenden und die größten Laster in sich vereinen.
Angélica Gallón Salazar: Und die Toten? Weshalb kommt ihnen in Ihren Werken eine so große Bedeutung zu? Warum wird hier, wie in vielen ihrer Romane, der rote Faden um einen Toten gesponnen?
Javier Marías: In dieser Hinsicht bewege ich mich möglicherweise in der gegenwärtigen Gesellschaft etwas gegen den Strom, zumindest was die europäische Gesellschaft betrifft. Es gibt hierzulande eine Art allgemeine Ablehnung des Todes, gegenüber den Toten überhaupt. Es ist eine verbreitete Haltung, am besten nicht über dieses Thema zu reden, sich um die Verstorbenen nicht sonderlich zu kümmern. Demnächst sind wir vielleicht noch der Meinung, dass die Toten die Verantwortung für ihren Tod selbst zu tragen haben, ich finde das alles entsetzlich. Für mich, und so steht es auch in meinen Romanen, ist der Tod Bestandteil des Lebens. Ich kann Tote nicht vergessen, sie sind sehr gegenwärtig und die Tatsache, dass jemand verstorben ist, scheint mir nicht ausreichend, dass wir aufhören, auf ihn zu zählen, wo wir doch ein Leben lang auf ihn zählen konnten. In diesem Roman wird sogar erwogen, ob es wünschenswert wäre oder nicht, dass Tote zurückkehren, falls sie denn zurückkehren könnten.
Angélica Gallón Salazar: Ein weiteres Thema, das sich durch Die sterblich Verliebten zieht, ist die Bedeutung von Wahrheit, die Diskussion darüber, was für wahr gehalten werden kann.
Javier Marías: Richtig, eines der Themen dieses Romans, und ich habe es auch an anderer Stelle bereits behandelt, ist die Unmöglichkeit, etwas mit Sicherheit zu wissen. Es gibt einen Satz, der mehrfach in diesem Roman auftaucht und darin fasse ich folgenden Gedankengang zusammen: »Die Wahrheit ist niemals klar, ist immer unentwirrbar.« Wenn wir über unser eigenes Leben nachdenken, worüber wir ja theoretisch am meisten wissen, und berichten wollen, was wir erlebt haben, stoßen wir, sobald wir anfangen zu erzählen, auf Gebiete, die im Dunkeln liegen. Dieses Phänomen wird gegen Ende des Romans besonders deutlich, keiner weiß, was passiert ist, es lässt sich nicht bestimmen, genau wie im Leben auch, selbst wenn wir immer glauben, mehr Wahrheiten zu kennen, als wir in Wirklichkeit tun.
Angélica Gallón Salazar: Mit dem Spiel um die Wahrheit hängt ein anderer Gedankengang zusammen, der im Roman wichtig ist, nämlich der, dass wir alle nur Erzählung sind: Wir sind, was wir von uns erzählen.
Javier Marías: Genau so ist es, glaube ich. Wenn niemand von dem Verbrechen erfährt, so wie in diesem Roman, existiert es nicht, ein Leben existiert nicht, solange man nicht von ihm hört, es nicht sieht, Dinge existieren gewissermaßen erst dann, wenn man von ihnen erfährt und erzählt. In einem meiner früheren Romane aus dem Jahr 1994, Morgen in der Schlacht denk an mich, war zu lesen: »Die Welt hängt von ihren Berichterstattern ab«, ein Ereignis für sich genommen ist gar nichts, wenn sich keiner daran erinnert oder darüber berichtet. Möglicherweise bleibt die Geschichte des Romans mit größerer Klarheit in der Erinnerung des Lesers, als jede andere wahre Begebenheit.
Angélica Gallón Salazar: Kritiker bezeichnen Ihre Romane als essayistisch …
Javier Marías: Ich kann mich mit dieser Bezeichnung für meine Romane nicht sonderlich anfreunden, es gibt in ihnen viele Abschweifungen, aber ich bemühe mich, nicht zu vergessen, dass ich Romane schreibe. Und ein Roman ist eine Aufführung mit Figuren und Dialogen. Was ganz sicher in meinen Romanen vorkommt ist etwas, was ich bisweilen als »literarisches Nachdenken« bezeichnet habe. Ein Aufleuchten, Blitzlichter, die der Leser als wahr empfindet. Für mich sind Romane weniger eine Form der Erkenntnis als des Wiedererkennens. Romane können mit bestimmten Szenen oder Reflexionen den Eindruck in uns hervorrufen: »Das wusste ich schon, auch wenn ich nicht wusste, dass ich es wusste.«
Angélica Gallón Salazar: Konnten Sie mit diesem Roman die Erschöpfung nach Ihrer Trilogie Dein Gesicht morgen überwinden? Schreiben Sie schon wieder an etwas Neuem?
Javier Marías: Im Moment noch nicht. Ich habe den Eindruck, dass die Veröffentlichung fast eine größere Aufgabe ist, als das Schreiben der Bücher und so konnte ich bisher noch nicht die nötige Ruhe finden, etwas Neues anzufangen. Und was die Erschöpfung betrifft, die habe ich anscheinend überwunden.

Aus dem Spanischen von Myriam Alfano